Ich finde die Vorstellung toll, dass irgendjemand auf der Welt eine billige Kamera schultert und seine eigene Geschichte erzählt, sagt Jonathan Caouette, Regisseur von Tarnation. Caouette hat das seit seinem elften Lebensjahr getan und mit Tarnation das Kino revolutioniert. Schon während man Tarnation schaut, spürt man, dass man am Puls einer Veränderung sitzt. Caouettes Film hat gerade mal 218,32 US Dollar gekostet und wurde vollständig mit dem einfachsten Filmschnittprogramm der Welt geschnitten und animiert: Apple iMovie. Damit zerbricht Tarnation das Elitäre des Kinos, alle bisher an Filmschulen aufgestellten Regeln sind Schall und Rauch, hier zählt nur eines: der Wille, einen Film zu machen über Grenzerfahrungen hinaus. Und dabei ist das eigene Leben der größte Fundus, aus dem jeder schöpfen kann.
Tarnation: Neu auf DVD Menschen, die das Kino lieben, die ihm zu Füszlig;en liegen, haben die Kraft von Tarnation, seine katharsische Wirkung für das Kino erkannt und so viel Treffendes über Tarnation geschrieben, dass ich es unmöglich besser kann, deshalb zitiere ich hier: Filme wie Tarnation sind das Lebenselexir des Kinos (Benjamin Happel, filmkritiken.org) und ein Meilenstein der Kinogeschichte (film dienst). Darf man in einer Filmkritik in die Ich Form schlüpfen? Im Falle von Tarnation muss ich das tun, um ganz nah an diesen Film und an Euch heranzurücken. Tarnation tut so weh, ist so wunderschön und so schrill und schief wie ein Film nur sein kann. Wer also nach dem Schauen dieses Filmes seinen Hintern noch immer auf dem Sofa breit drückt, dem ist nicht mehr zu helfen! Es geht hier nicht darum, dass Du gleich eine billige Kamera schulterst und Dein Lebendokumentierst, es geht darum, zu verstehen, dass das Leben schön ist und dass Willenskraft und Liebe Berge versetzen können. Und jemand wie Jonathan Caouette, der in seinem Leben mehr durchgemacht hat als in einen Film passt, ist nicht etwa nur eine Ausnahmeerscheinung, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, der leidet, liebt und mit seinem Film vielleicht dazu beitragen kann, dass Du Dein Leben einfach als Geschenk annehmen kannst, egal wie beschissen Du es manchmal auch empfindest. Caouette nutzt das Filmemachen, um seinem Alltagswahnsinn zu entfliehen, aber auch als Mittel, um in einen Heilungsprozess einzutreten.
Caouette lebt mit einem Entpersonifizierungs Syndrom eine Persönlichkeitsstörung, die das Realitätsempfinden beeinflusst man hat permanent den Eindruck, vom eigenen Körper getrennt zu sein. Das sei ungefähr so, als wenn man sich andauernd auf falsch eingestellte Brillengläser konzentrieren müsste, beschreibt Caouette seinen Zustand. Um für einen Fremden diese Art der Wahrnehmung verständlich zu machen, entwickelte Caouette einen völlig neuen Blick auf den Dokumentarfilm, so als ob er meinen Gedankenprozess imitieren würde, weshalb das Publikum sehen kann, was in meinem Kopf vor sich ging. Das kann furchteinflöszlig;end und intensiv sein, aber auch herrlich und wirklich schön. Caouette lebt ausschliesslich im Moment, dadurch wird alles was er tut existenziell: Wenn ich mit einem Freund spreche, muss ich mich manchmal daran erinnern: ‘Ich spreche gerade mit meinem Freund. Das mache ich gerade.’ Sonst fange ich an, in Frage zu stellen, ob es wirklich ist oder ein Traum. Die Kehrseite ist, dass ich, weil ich Sterblichkeit und Realität so hyper bewusst wahrnehme, ich die Menschen und alles, was ich im Leben erfahre, wirklich wertschätze und liebe. Ich liebe meine Mutter und meinen Freund, meinen Hund und so viel anderes so sehr, dass es weh tut. Wenn ich Filme mache, möchte ich, dass das Publikum glaubt, auf etwas Anderes, Intensives, Wunderbares und Reales einen Blick zu werfen.
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