Der erste schwule Chatter-Roman
Oktober 31st, 2006
Die Abenteuer der Faker und Sexsüchtigen: “Junge_von_nebenan” von Lutz Büge.
Von Micha Schulze/
Nichts ist langweiliger, als Protokolle von Internet-Chats zu lesen – es sei denn, man stößt zufällig auf den aufgezeichneten Dialog zwischen dem Gatten und seinem heimlichen Lover. Doch gerade in den offenen Foren des schwulen World Wide Web dominiert eine qualvolle Mischung aus armseligster Grammatik und Themen, die sich zu 99 Prozent ums Ficken und zu einem Prozent um Kochrezepte, Stammtischparolen und Selbstmordankündigungen drehen.
Mit “junge_von_nebenan” hat sich Lutz Büge dennoch an den allerersten schwulen Chatter-Roman gewagt. Seine Idee ist genial: Der Frankfurter Autor verfolgt eine lange Nacht lang eine Handvoll Mitglieder eines einschlägigen Online-Portals: Gelangweilte und Sexsüchtige, Coming-out’ler und Faker, Fetisch-Freaks und psychisch Gestörte. Nicht Gayromeo, Deutschlands “schwules Einwohnermeldeamt”, hat Büge dabei als Ort der Handlung gewählt, sondern mit chat4gays eine fiktive, kleine Datingplattform seiner Heimatstadt. So können Büges Online-Helden nicht nur zu zweit im “privaten Chat” sowie quer durcheinander im “offenen Chat” plaudern. Zu vorgerückter Stunde, wenn der Rechner erstmals ausgeschaltet ist, begegnen sie sich auch im realen Leben – in der Darkroom-Bar “Ranch”.